Was muss bleiben

 

Was muss bleiben?
 

Münster. Ein Jubiläumsjahr voller Erlebnisse, Eindrücke und unvergesslicher Feiern endet an diesem Christkönigssonntag. Kirchensite bat Generalvikar Kleyboldt um eine Bewertung dieses Festes.

kirchensite: Das Bistum Münster hat sein 1200-jähriges Bestehen gefeiert. Wie war die Feier?

Generalvikar Norbert Kleyboldt: Unsere Feier ist im Vorfeld von verschiedener Seite mit einiger Skepsis betrachtet worden: Sollen wir überhaupt feiern? Ist es überhaupt eine Zeit, um solche Jubiläen zu feiern? Birgt sie nicht die Gefahr in sich, nur zurück zu schauen? Klopft man sich nur gegenseitig auf die Schultern, nach dem Motto: "Sind wir klasse!"? Deshalb haben wir auch bewusst ein Leitwort gesucht, mit dem wir uns als offene Kirche und missionarische Gemeinschaft darstellen wollten. Wir wollten damit deutlich machen, dass wir nicht die Konkursverwalter eines auslaufenden Modells sind, sondern eine Kirche mit missionarischem Geist zeigen und in die Zukunft schauen. Unserem Bischof war es ein Anliegen, dass wir eine Kirche mit menschlichem Gesicht zeigen. Deshalb haben wir im Frühjahr die Bischofsweihe des ersten Bischofs unseres Bistums in der Liudger-Tracht unter großer Beteiligung gefeiert. Ich bin der Meinung, dass uns dies sehr wohl gelungen ist.

kirchensite: Was waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte im Festreigen?

Kleyboldt: Neben der Liudger-Tracht war dies für mich ganz eindeutig der Bistumstag, mit seinen nach Polizei-Schätzungen 200.000 Teilnehmern. Mit dieser Veranstaltung ist es uns gelungen, das Bewusstsein zu vermitteln, Kirche von Münster zu sein. Wir wollten Identität stiften, Gemeinschaftsgefühl erlebbar machen und auch offen für andere sein.

kirchensite: Was hat Ihnen nicht gefallen?

Kleyboldt: Natürlich haben wir auch Fehler gemacht. Es wäre blauäugig zu meinen, es wäre alles ohne Fehl und Tadel gelaufen.

kirchensite: Welche Fehler?

Kleyboldt: Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, diese im Nachhinein und öffentlich aufzuarbeiten. Das machen wir intern. Dabei werden wir uns fragen, ob wir immer die richtigen Schwerpunkte gesetzt haben. Natürlich lässt sich in diesem Punkt streiten. Wir werden die nötigen Konsequenzen daraus ziehen, um dieselben Fehler nicht wieder zu machen. Trotzdem: All das wird nicht den Gesamteindruck eines schönen und gelungenen Festreigens zum Bistumsjubiläum schmälern.

kirchensite: Wen hat die Diözese mit den Feierlichkeiten erreicht und wer wurde nicht erreicht?

Kleyboldt: Natürlich war die stärkste Gruppe, die wir angesprochen haben, die Engagierten in Gemeinden, kirchlichen Gruppen und Verbänden. Und das ist auch so gewollt gewesen, denn so eine Feier stärkt die aktiven Gemeindemitglieder vor Ort. Weil wir uns als offene Kirche präsentiert haben, sind auch Fernstehende und Nicht-Katholiken mit dem Jubiläum, seinen Ideen und seinem Motto in Kontakt gekommen.

kirchensite: Gibt es Leute, die nicht erreicht wurden?

Kleyboldt: Das ist schwer zu sagen. Natürlich haben sich nur ein Teil der Katholiken und nicht alle 2,1 Millionen zum Bistumstag oder den anderen zentralen Veranstaltungen aufgemacht. Aber insgesamt konnten wir sehr viele – nicht zuletzt über die Medien – erreichen.

kirchensite: Mit dem Motto "Eine Liebesgeschichte" wollte das Bistum den Kern der christlichen Botschaft in den Mittelpunkt rücken. Wie ist dies gelungen?

Kleyboldt: Ich möchte das zunächst einmal von mir selbst sagen: Als wir das Motto erarbeitet haben, wurde uns von der Werbe-Agentur gesagt: "Wenn ihr Werbung machen wollt, müsst ihr selbst davon überzeugt sein." Jetzt ging es bei diesem Motto um die Kernbotschaft unseres christlichen Glaubens: die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Mir ist im Laufe dieses Jahres deutlich geworden, wie sich dieser Gedanke durch die liturgischen Texte des Jahres durchzieht. Das ist das, was wir als Kirche den Menschen zu sagen haben. Und da glaube ich schon, dass das auch übergekommen ist.

kirchensite: Zum Abschluss soll die Liebesgeschichte sinnbildlich in neu gepflanzten Bäumen weiter wachsen. Was bleibt sonst vom Jubiläum? Und vor allem: Was muss davon übrig bleiben?

Kleyboldt: Der Baum ist ein Symbol: Die Pflanzaktion als eine sinnbildliche Handlung soll über den Tag sichtbar machen, dass die Botschaft von der Liebe Gottes weiter wächst, dass die Verkündigung der Botschaft weitergehen wird. Uns ist hoffentlich allen in diesem Jubeljahr deutlich geworden, dass die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen der Kern unseres Glaubens ist. Dies lohnt es weiter zu tragen, zu verkündigen, zu feiern und zu leben. Das muss von unserem Jubiläum bleiben.

kirchensite: Der Alltag der Gemeinden war – trotz Jubiläum – von den Diskussionen um Kooperation, von Gläubigen-, Priester- und Finanzmangel geprägt. Glauben Sie, dass trotzdem diese Botschaft hängen bleibt?

Kleyboldt: Da gebe ich Ihnen Recht: die Gemeinden stehen in einer Zeit gewaltiger Veränderungen. Aber gucken Sie doch in die Bibel auf die Wachstumsgleichnisse: Das kleine Senfkorn wächst zu einem großen Baum. Wir müssen in dieser Zeit des Wandels der kirchlichen Strukturen neuen Mut und festen Glauben schöpfen, dass wir uns nicht auf einem absteigenden Ast befinden.

kirchensite: Hat das Bistum durch das Feiern auch etwas Neues gelernt?

Kleyboldt: Vielleicht nicht etwas Neues, aber etwas, das wir wieder neu entdeckt haben: Das wir eine offene Kirche sind, die über den eigenen Kirchturm der Gemeinde hinausschaut. Ich helfe selber in der Gemeindeseelsorge mit, deswegen kann man mir nicht eine einseitige Sicht vorwerfen. Wir müssen aufschauen und die größere Einheit erkennen. Das ist einfach eine Notwendigkeit, dass die Kirche die Enge der Gemeindegrenzen sprengt und weitet auf die Bistumsebene hin und darüber hinaus auf die Weltkirche. Nicht von ungefähr haben wir uns mit der Bistumswallfahrt nach Rom aufgemacht, um die Gemeinschaft der Weltkirche zu erfahren.

kirchensite: Für viele ist die Gemeinde das Zentrum kirchlichen Lebens und die Diözese Münster eine weit entfernte und nicht relevante Größe. Damit können Sie sich nicht anfreunden …

Kleyboldt: Überhaupt nicht. Denn es ist eine falsche Sicht. Wir wollten im Jubiläum nicht die "triumphierende Kirche" darstellen, aber uns war daran gelegen, die Gemeinschaft der Kirche von Münster unter ihrem Bischof zu feiern und erlebbar zu machen. Als katholische Kirche sind wir eine bischöflich verfasste Kirche; sie wird repräsentiert durch den Bischof. Der Bischof ist der eigentliche Pfarrer aller Gemeinden; ich bin mir nicht sicher, ob jedem Theologen klar ist, wie die katholische Kirche verfasst ist. Auch dieses Verständnis von Kirche haben wir in diesem Jahr in den Blick genommen und als solche Kirche gefeiert. Natürlich weiß ich auch, dass kirchliches Leben in den Gemeinden stattfindet, aber beide Aspekte müssen im Blick bleiben.  

Interview: Norbert Göckener/Foto: Archiv, 17.11.2005