1200 Jahre Bistum Münster - Eine Liebesgeschichte
Der ökumenische Kirchentag ist Vielen noch in bester Erinnerung. Mit großem Ernst wurde um das Profil des Christentums in unserer Gesellschaft gerungen. Nicht weniger beeindruckend war die Freude am Miteinander, wie sie vor allem in dem festlichen Schlussgottesdienst zum Ausdruck kam. Ob es uns gelingt, das Bistumsjubiläum ebenfalls zu einem Fest werden zu lassen? Bedenken hat es reichlich gegeben. Ist es angesichts der Sorgen und Ängste in Kirche und Gesellschaft überhaupt angemessen zu feiern? Darf dafür überhaupt Geld ausgegeben werden? Dürfen wir überhaupt feiern?
Unvergesslich ist mir ein Abend in einer Landarbeitergemeinde Brasiliens. Tagsüber hatten wir viel gesehen, Bestürzendes und Mutmachendes. Bestürzend war der Anblick der Behausungen der Armen und der von täglicher Not und Krankheit gezeichneten Gesichter, aber auch der riesigen Landflächen im Besitz von zwei Familien, die sich weigerten, den Armen ungenutztes Land zur Bearbeitung freizugeben. Erschreckend auch das Ausmaß von Korruption und Kriminalität. Mutmachend waren vor allem die kleinen Gemeinschaften, in denen sich Arme zusammengefunden hatten, um auf der Basis des Glaubens Wege aus dem Elend zu finden. Als Programmpunkt für den Abend war eine Begegnung mit den Basisgemeinschaften vorgesehen. Über hundert Personen waren erschienen. Der Abend wurde ein Fest mit wenig Reden, mit viel Gesang und Tanz und vor allem mit einer ansteckenden Fröhlichkeit. Alle strahlten und freuten sich an den Darbietungen der einzelnen Gruppen und diese wiederum waren stolz, ihr Können vorzuführen. Alle konnten sich freuen - trotz ihrer Armut.
Was macht es uns schwer, so selbstverständlich zu feiern? Kann das der Grund sein, dass sich mancher nicht richtig freuen kann? Nun kann man sich nicht einfach zur Freude zwingen, sie ist immer ein Zweites, ein Echo auf etwas, das Freude macht, eine glückliche Liebe, das Gedeihen der Kinder, eine spannende Arbeit, die Erfahrung von Schönheit und vieles mehr, nicht zuletzt die Gewissheit, von Gott gewollt und geliebt zu sein und dass damit im Letzten Alles gutgeheißen wird, was ist. Josef Pieper sagt es so: "Der Grund zur Freude aber ist, obwohl er in tausend Gestalten begegnen kann, immer der gleiche: dass einer besitzt oder empfängt, was er liebt. Freude ist eine Äußerung der Liebe. ... Freude ist die Antwort darauf, dass einem Liebenden zuteil wird, was er liebt." Die Freude ist mehr als bloßes Vergnügen, sie ist die Schwester der Liebe. Unsere Seele nährt sich von beidem, von Liebe und Freude. Dabei ist die Freude keine ständige Begleiterin. Jede Liebe kennt ernste Zeiten. Anders bliebe sie unverbindliche Liebelei. Eine Liebe jedoch, die keine Freude kennt, die unfähig ist zu feiern, ist in der Gefahr, hart und bitter zu werden.
Schwerkraft und Gnade ist der Titel eines Buches von Simone Weil, einer jüdischen Mystikern an der Schwelle zum Christentum. Die Schwerkraft zieht nach unten, sie drückt nieder, sie fixiert den Blick auf das nicht zu leugnende Elend, sie verführt dazu, die Freude zu verdächtigen und einzuschüchtern. Ganz anders die Gnade. Auch sie blickt nach unten, aber sie sieht dort die Spuren des Himmels, Ansätze geglückten Lebens und die unausrottbare Sehnsucht nach Liebe. Die Gnade blickt zugleich nach oben. Sie führt in die Freude, die das Herz leichter macht und einstimmen lässt in den Jubel der Erlösten.
Text: Dr. Ferdinand Schumacher, 20.02.2005
